Wenn es in der Velotechnik schwierig wird, kommt Dirk Zedler in Fahrt. Wie kaum ein anderer untersucht er das Velo aus technischer Sicht mit viel Akribie. Doch wer meint, er hätte es bei Zedler mit einem technikverliebten Nerd zu tun, täuscht sich: Dem deutschen Ingenieur geht es nicht um Crash-Tests, sondern darum, das Velo besser zu machen, damit es mehr gefahren wird.
Begonnen hatte es mit einem schweren Unfall wegen einem Schutzblech. Dieses hatte sich mit dem Vorderrad verheddert und dieses blockiert, was zu einem schweren Unfall führte. Als junger Ingenieur sah Zedler sofort, dass der Unfall und das damit verbundene Leid mit einer besseren Konstruktion vermeidbar gewesen wäre. Er sieht die Gefahr für weitere schwere Unfälle und wird aktiv. In der Fahrradzeitschrift Tour veröffentlicht er einen Bericht dazu. Einige Jahre später werden Sicherheits-Befestigungen bei Vorderrad-Schutzblechen zum Standard.
Der Zeitschrift bleibt er danach über Jahre treu, beschrieb und untersuchte die Rennvelotechnik. Dem Leichtbau-Trend der 90-er Jahren setzt er 1994 mit einer definierten Testmethode den STW-Wert entgegen. Der Stiffness-to-Weight-Faktor machte augenscheinlich, dass ein superleichtes Rennrad nur dann gut ist, wenn die nötige Steifigkeit gegeben ist. Der STW-Faktor wird die Fahrradentwicklung in den nächsten Jahren prägen und eine gefährliche Fehlentwicklung der Branche knapp verhindern. 2006 entwickelt er ein neues Prüfsystem, welches den Komfort vom Rennrad- und Mountainbikerahmen misst und prägt damit die weitere Entwicklung dieser Komponenten massgeblich.
Ab 1994 ist Zedler in Stuttgart als Fahrradsachverständiger vereidigt. Bei Streitigkeiten nach schweren Unfällen und nachfolgendem menschlichen Leid klärt er in dieser Funktion die fahrradtechnischen Fakten. Doch die Tätigkeit ist ihm zu rückwärtsgewandt. Mehr noch interessiert ihn, solche Un- und Gerichtsfälle zu verhindern. So beginnt er mit seinem Unternehmen der Industrie Prüf-Dienstleistungen anzubieten, damit die Teile und Fahrräder strukturiert getestet und verbessert werden können, bevor sie auf den Markt kommen. Was anfänglich für die Fahrradindustrie noch ungewöhnlich war, ist mittlerweile für gute Hersteller zum Standard geworden, im Wissen, dass die Kosten für die Tests günstiger sind, als wenn danach Probleme auftreten. Immer wieder führt er auch Tests für Zeitschriften durch. Dabei sieht er sich dem Velo verpflichtet. Während andere Institute gerne Kaputt-Testen, ist Zedler vom Willen getrieben, das Velo als technisches Gerät zu verbessern. Und davon, dass seine Prüfeinrichtungen die Realität möglichst praxisnah abbilden. Dafür entwickelt das ganze Team Prüfeinrichtungen, welche nach Notwendigkeit auch von den gängigen Prüfnormen abweichen, diese ergänzen oder darüber hinausgehen. Hintergrund ist, dass viele Normen Mindestanforderungen definieren, reale Belastungen im Alltag jedoch häufig komplexer und dynamischer sind, etwa durch höhere Systemgewichte bei E-Bikes oder neue Einsatzprofile im urbanen Verkehr. Unterdessen umfasst das Prüflabor über 80 dynamische Prüfsysteme für praktische alle Fahrradkomponenten und Fahrradtypen.
NACHHALTIGKEIT KONSEQUENT UND PROFUND
2017 zog das Zedler Institut in ein eigenes, neu gebautes Gebäude. Die Geradlinigkeit Zedlers zeigt sich auch am Bau: Neben Verwendung von viel Holz, Trennbarkeit der Baumaterialien, besten Dämmwerten wird selbst die Abwärme der Kompressoren, welche für den Betrieb all der Testeinrichtungen benötigt werden, weiterverwendet. Das neue Firmengebäude erfüllt die höchsten Nachhaltigkeits-Kriterien und wurde mehrfach ausgezeichnet. Doch Zedler sieht den Begriff Nachhaltigkeit umfassender: Es greift für ihn auch in die Betriebskultur, soziale Verantwortung und in die Ausbildung der Fachleute von morgen: In seinem Unternehmen hat er drei Lernende, ist Bildungspartnerschaften mit Schulen eingegangen, angehende Ingenieure machen ihre Projektarbeiten und im obersten Stock seiner Firma hat Zedler einen Schulungsraum eingerichtet, in dem er – sein vierter Geschäftsbereich – Weiterbildungen für Produkte-Entwickler, Techniker und Velomechaniker anbietet.
Nach all den Jahren und all den Initiativen kann Dirk Zedler eine gewisse Ernüchterung manchmal nicht verbergen. Sei es, wenn Unternehmen bei Produktemängel nicht konsequent reagieren und damit Unfälle und ein schlechtes Image für die Branchen in Kauf nehmen. Sei es, dass bei seiner Gutachtertätigkeit für Versicherer sich so manche kleine oder grössere Betrügerei ganz normaler Bürger:innen offenbart. Oder sei es die Feststellung, dass sich so manch grosser Branchenplayer in keiner Art und Weise für das Fahrrad an sich und dessen Stellenwert in der Gesellschaft oder im Verkehr engagiert. Zu Recht weist er dabei auf eine Ungleichheit des Engagements zwischen seiner kleinen Firma und grossen Unternehmen hin, und in der Tat könnte sich die Branche bei ihm bezüglich der Passion fürs Fahrrad eine Scheibe abschneiden.
DAS ZEDLER-INSTITUT
Dirk Zedler gründete sein Unternehmen 1993 in Ludwigsburg (Nähe Stuttgart) und beschäftigt unterdessen 30 Mitarbeitende. Er engagiert sich in vier Unternehmensbereichen:
PRÜFTECHNIK UND -SERVICES Entwickeln von innovativen, präzisen und zuverlässigen Prüfsysteme für Fahrräder, E-Bikes und Cargobikes. Die Prüfsysteme kommen in Laboren von Fahrradherstellern und Fahrradzeitschriften zum Einsatz. Prüfservice für Fahrrad- und Fahrradkomponenten-Hersteller vom Prototypenstadium bis zur Serienprüfung.
TECHNISCHE DOKUMENTATION Erstellen von benutzerfreundlichen und rechtssichern Betriebsanleitungen, Erstellen von Risikobeurteilungen für Hersteller und Begleitung und Beratung von Herstellern im Falle von Produkte-Rückrufen oder Marktaufsichtsverfahren
GUTACHTEN UND SCHADENANALYSEN Erstellen von jährlich bis zu 750 Gutachten für Gerichte, Versicherer, Firmen und Privatpersonen bei Unfällen, Mängeln oder Diebstählen. Dabei kann er auf Erkenntnisse aus dem Prüflabor sowie auf ein umfassendes Archiv mit Fahrraddokumentationen aus den vergangenen 30 Jahren zurückgreifen.
SCHULUNG UND WORKSHOPS Weiterbildungsangebote für Händler, Mechaniker, Hersteller, Produkte- Entwickler und Manager und Versicherungs-Mitarbeitenden.
Die vier Unternehmensebereiche unter einem Dach ergänzen und befruchten sich: Erfahrungen aus der Arbeit im Prüflabor sind Basis für Gutachten- und die Sachverständigen-Arbeit. Erkenntnisse aus der Sachverständigen-Tätigkeit fliessen wiederum in die Betriebsanleitungen und geben Inputs für Prüfverfahren.
Text: Marius Gaber