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Die Branche war nicht bereit für den Lastenrad-Boom
Andere Experten gehen mit den Herstellern härter ins Gericht. Dirk Zedler etwa, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Fahrräder und E-Bikes sowie Gründer des Zedler-Instituts für Fahrradtechnik und -Sicherheit. Die Hersteller seien um Innovation bemüht, aber: »Es gibt noch sehr, sehr wenige komplett solide aufgestellte Lastenräder«, sagt Zedler.
Das sei auch historisch begründet: »Zwischen 1950 und 1990 war der Anspruch der Fahrradindustrie, billig zu produzieren«, sagt Zedler. Die Menschen seien Auto gefahren. Das Fahrrad habe als Fortbewegungsmittel kaum interessiert. Ab 1990 sei für die darauffolgenden 20 Jahre alle Entwicklungsenergie in den Sportbereich geflossen: in Mountainbikes und Rennräder. »Und was zählt im Sport? Jedes Gramm!«, sagt Zedler.
Heute denken viele Menschen Fahrräder wieder als Verkehrsmittel. Der Richtungswechsel hin zum Lastenrad war abrupt, die Anforderungen an die Räder völlig andere: »Das Lastenrad wird bei jedem Wetter gefahren, kommt mit Schmutz und Salz in Berührung«, sagt Zedler. Gleichzeitig wirken hohe Kräfte, das Rad ist schwer und schwer beladen. »Das trifft auf Hersteller von Fahrradkomponenten, die lange gewichtsoptimiert für den Sport entwickelten. Und zwar für Menschen, die ihr Fahrrad typischerweise hegen und pflegen«, sagt Zedler.
Im Rückschluss heißt das: Die Fahrradwelt war nicht bereit für den Lastenrad-Boom. Die Hersteller mussten in kurzer Zeit enorm viel lernen und ausprobieren.
Stark gebremst, der Flansch ist ab
Bei Gabeln und Naben sieht Zedler weiteren Entwicklungsbedarf: »Lastenräder haben meistens 20-Zoll-Vorderräder. Für diese Größe gab es früher aber kaum Gabeln, die den Anforderungen eines Transportrades genügen«, sagt er. Daher wurden teils Gabeln verbaut, deren Größe zwar passt, die aber keine geeignete Qualität haben, also zu schwach und kurzlebig sind.
Bei Naben habe er schon erlebt, dass durch die hohen Bremskräfte, die bei einem Lastenrad wirken, der Flansch abriss, also der mittlere Teil des Laufrades, an dem die Speichen befestigt sind. Ein Totalschaden für die Nabe. »Jeglicher Materialdefekt an einem Fahrrad birgt eine Unfallgefahr mit kaum vorhersehbaren Folgen«, sagt Zedler.
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Bis sich die Hersteller auf die Anforderungen angepasst haben, können Nutzerinnen und Nutzer mit ihrem Fahrstil die Lebenszeit von Verschleißteilen verlängern. »Vorm Anhalten an der Ampel runterschalten. So schone ich den Akku, die Kette, die Ritzel und damit auch meinen Geldbeutel«, sagt Zedler und warnt vor unnötig heftigem Bremsen.
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Vor dem Kauf sollte man sich informieren, sagt Zedler: Wie erfahren ist der Hersteller? Was sagen Fachhändler zu verbauten Teilen? Der Gutachter rät außerdem: »Schaut, wie Firmen bei Rückrufen vorgehen.« Das sei ein Indiz für den verantwortungsbewussten Umgang mit der eigenen Ware. Riese & Müller etwa kauften die Räder ihrer Kunden zum vollen Preis zurück, nachdem die Firma Sicherheitsmängel in einer Kategorie festgestellt hatte. Muli legte bei Rissen im Sattelrohr ebenso eine solide Rückrufperformance hin. Das Vorgehen beider Firmen schaffe Vertrauen, sagt Zedler.
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Autorin: Lena Frommeyer
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