Um den Sprung vom Klopapier zum Fahrrad zu schaffen, muss man sich noch einmal erinnern, was im Zuge der Corona-Pandemie passiert ist. „Jahrelang wurden in Deutschland rund vier Millionen Räder pro Jahr verkauft“, blickt Dirk Zedler zurück, Stellvertretender Vorsitzender des Branchenverbands Zukunft Fahrrad. „2020 stieg der Verkauf um knapp 20 Prozent. Die Kunden gingen zum ersten, zweiten, dritten Radhändler und bekamen kein Rad, weil alles ausverkauft war. Das hat dazu geführt, dass Radhändler teils das Fünffache an Rädern bestellt haben.“
Verschärft wurde die Situation durch Lieferverzögerungen und Produktionsengpässe. Shimano meldete bis zu tausend Tage Lieferzeit für bestimmte Komponenten. „Als 2022 dann mit Volldampf produziert wurde, haben die Hersteller in Asien nicht nur die Modelle für 2022, sondern auch für 2023 gefertigt. Auch in Folge der Gaspreise ist der Konsum dann eingebrochen und die Radläden sind vollgelaufen mit Ware. Ich kenne Fahrradhersteller, die haben Festzelte auf dem Hof aufgebaut, um die Radkartons zu lagern“, fasst Zedler die Situation zusammen. Der Vergleich mit dem Klopapier veranschaulicht das Grundproblem: Wer viel davon gekauft hat, braucht eine Weile lang kein neues.
(...) Gestörte Lieferketten, lange Produktionspausen und Monate danach dann eine deutliche Überproduktion: Wie eine Lawine ergossen sich Lieferungen aus Asien in kurzer Zeit nach Europa. „Es gab Hersteller, die hatten knapp siebenstellig zu viele Fahrräder“, weiß Zedler.
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LAGER SIND IMMER NOCH NICHT LEER
Wöll erinnert noch einmal daran, welches Fahrradsegment die größten Probleme bereitet: „Wenn wir über die Lagerbestände sprechen und über den Lagerdruck, sprechen wir vor allen Dingen über E-Bikes. Gravelbikes und Rennräder verkaufen sich gut – um die geht es gar nicht.“ Der Erfolg dieser zwei Gattungen wirkt sich aber auch auf den Mountainbike-Bereich aus: „Das Rennrad und das Gravelbike haben das Mountainbike kannibalisiert“, stellt Dirk Zedler fest.
(...) VSF-Mann Uwe Wöll sieht darin kein Problem. „Im Rennradbereich hätten wir ein Problem mit drei, vier Jahre alten Modellen. Bei E-Bikes ist das anders, die Verbraucher haben andere Anforderungen. Die Technik muss funktionieren, das Rad muss zu ihnen passen.“ Zedler sieht es kritischer: „Die Schaltungshersteller haben eine neue Produkt-Generation gebracht, die Motorenhersteller – die alte Ware ist nicht besser geworden.“ Und er kennt noch ein anderes Problem: Manche Hersteller müssen alte Rahmen nachproduzieren, weil sie noch Motoren haben, die in die neuen nicht mehr passen. „Früher waren der Rahmen und die Komponenten der wertbildende Faktor beim Fahrrad. Heute dominieren den Wert des Elektrofahrrads ganz klar Batterie und Motor.“
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BLICK IN DIE ZUKUNFT
(...) Deutlich sorgenvoller blickt Blume auf das gestartete Geschäftsjahr: „Die Leute, die jetzt schon keine richtige Liquidität haben, die werden es extrem schwer haben. Es wird ein Konsolidierungsprozess stattfinden, den wir wahrscheinlich vorher so nicht gesehen haben. Das ist meine Prognose, zumindest für die ersten beiden Quartale.“ Ein schlechtes Zeichen ist für ihn, dass auch der Rad-Leasing-Markt schwächelt. Ebenfalls kritisch schaut Dirk Zedler in die Zukunft: „Ich befürchte, dass die Krise noch eine Weile anhält. Ich bin sehr in Sorge, dass es noch schlimmer wird. 2025 gab es während der typischen Verkaufssaison wenig gutes Wetter – wir müssen alle hoffen, dass es 2026 gutes Fahrradwetter gibt.“ Das Fahrradwetter im Frühjahr in Europa ist für den Verkauf von Rädern so wichtig, dass es selbst in den Berichten von Konzernen in Taiwan erwähnt wird. Dem Wunsch nach gutem Fahrradwetter schließen sich alle Rennradfahrer gerne an. Die Hoffnung ist, dass 2026 für alle zum erfolgreichen Fahrradjahr wird. Und nie wieder Fahrräder mit Klopapier verglichen werden.
Autor: Christian Bauer
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